Elternschaft und Wirtschaft

24. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gerade habe ich die Info zu einer Veranstaltung gelesen, die sich mit dem Thema „Mutterwahn“ beschäftigt und da fielen mir so einige Gedanken zum Thema Vereinbarkeit von Kind und Beruf wieder ein, die ich mir bei unterschiedlichen Gelegenheiten zu diesem Thema mal gemacht hatte.

Interessant an dem Begriff „Mutterwahn“ finde ich die Annahme von „normal“ und „nicht normal“ die darin impliziert ist. Gemeint ist damit wohl eine >überdurchschnittliche< Identifizierung von Frauen mit ihrer Mutterrolle, wobei der Begriff „Wahn“ natürlich einen missbilligenden Unterton hat. Was jedoch versteht man nun als „normal“ und was als „übertrieben“?

Zum Beispiel werde ich recht häufig gefragt, ob ich denn für meinen knapp Zweijährigen einen Betreuungsplatz habe. Es entspricht also, meiner Erfahrung nach, wohl eher der Norm, sein Kind spätestens mit 1 Jahr von jemand anderem betreuen zu lassen, als dies selbst tun. Dementsprechend werden natürlich Mütter und Väter betrachtet, die sich dafür entschließen, ihr Kind in den ersten 3 Jahren selbst zu betreuen, sehr viele Menschen empfinden das bereits als übertrieben oder vielmehr unnötig.

Ich finde das ist eine interessante Beobachtung, die man irgendwie als selbstverständlich ansieht und dadurch für gewöhnlich übersieht. Die Frage ist doch: warum ist es mehr oder weniger selbstverständlich, Kinder zu bekommen und sie recht bald von jemand anderem betreuen zu lassen?

Die meisten werden wohl antworten „weil beide Elternteile wieder arbeiten gehen wollen oder müssen.“

Wer sich mit Debatten dieser Art auseinandergesetzt hat, oder sich vielleicht selbst schon damit konfrontiert sah, hat gespürt, dass dieses Thema ein offensichtlich sehr heikles ist, es geht sehr schnell sehr emotional zu. Jede sagt zwar „dass muss jede für sich entscheiden“, in Wahrheit wertet man aber doch. Die Frauen, die ihr Kind früh abgeben, haben ihre Gründe und die, die es nicht tun, ebenso. Meistens wird dann darüber diskutiert, ob diese jeweiligen Gründe rechtfertigend sind. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich mühsam und wenig ertragreich.

Meine Meinung ist, dass es eine verdammte Misere ist, dass man überhaupt darüber diskutieren muss. Dass so viele Mütter und Väter überhaupt gezwungen sind, solche zumeist doch sehr belastenden Entscheidungen zu treffen: „Kind oder Berufstätigkeit“ oder zumindest „Kind oder Karriere“. Ohne Frage wäre es erleichternd für die Mütter, wenn die Väter mehr Erziehungszeit nehmen würden, aber der Stein der Weisen ist es doch auch nicht, denn für die Väter ist es letztlich genau die gleiche Problematik, wie für die Mütter: „Kind oder Karriere?“.

Mir fällt in diesem Zusammenhang immer ein Satz ein, den Barack Obama (oder war es Hillary Clinton?) in Bezug auf die Abtreibungsproblematik in den USA äußerte: Dass es nicht fair sei, die Frauen für ihre Entscheidung zu belangen, die ihnen selbst sicher nicht leicht fällt, sondern dass man vielmehr dahin investieren sollte, dass sie sich erst gar nicht zu solchen drastischen Entscheidungen gezwungen sehen.

Natürlich ist es ein etwas anderer Zusammenhang, aber der Grundgedanke ist wie ich finde doch der gleiche: halten wir uns mit den Konsequenzen auf, die aus einer Problemlage entstehen, oder versuchen wir nicht lieber die Problemlage zu verändern?

Was die Vereinbarkeit von befriedigender Elternschaft und befriedigender Berufstätigkeit angeht sage ich nämlich: auf dem aktuellen modernen Arbeitsmarkt, geprägt und bestimmt von Wirtschaftlichkeit, gibt es da keine Vereinbarkeit, nur lauwarme und unbefriedigende Kompromisse. Die Wirtschaft diktiert die Spielregeln, nicht die Menschlichkeit.

Aber wir haben uns alle schon so damit abgefunden, dass die Regeln unseres Leben fremdbestimmt werden, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, ob das mit einem menschlichen Dasein überhaupt vereinbar ist. Es ist „normal“, wenn man sein Kind früh in eine Krippe oder zur Tagesmutter gibt, weil darin eben die Anpassung an den modernen Arbeitsmarkt besteht. (Nochmal: ich möchte hier nicht darüber urteilen, ob es richtig oder falsch ist das zu tun). Und unangepasst gilt eben als „nicht normal“, oder sagen wir mal entschärft „selten“.

Noch vor einigen Jahrzehnten hätte es sich mit diesem Verständnis von „normal“ und „selten“ genau andersherum verhalten. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich die Normvorstellungen immer wieder verändert, und zwar in Abhängigkeit davon, welche Geistesströmungen gerade modern bzw. am einflussreichsten waren (und gerade in Fragen der Kindererziehung kräuseln sich einem da ja so manches mal die Fußnägel).

Und nun ist es eben die Wirtschaft, die alle Bereiche des menschlichen Lebens so vollständig durchzogen hat wie Schimmel ein Brot. Die dazu beigetragen hat, dass das zur Welt bringen und Begleiten von Kindern (an sich! als Bestandteil menschlichen Lebens; genauso wie übrigens auch das Pflegen von alten Menschen/Angehörigen) in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertung einen niedrigeren Stellenwert angenommen hat, als das Ausüben eines Berufes (und damit der aktiven Beteiligung am Wirtschaftsprozess). Das ist für mein Verständnis so verheerend, dass der Bedarf, nach wirklicher, tiefgreifender Veränderung des Arbeitsmarktes (und des ganzen gesellschaftlichen Wertesystems) doch offensichtlich ist. Aber dafür müssten wir u.a. unser Verständnis von „Arbeit“ gänzlich überarbeiten. Es müssten gänzlich andere Maßstäbe angelegt, andere Prioritäten gesetzt werden. Wir können nicht darauf hoffen, dass irgendein Politiker irgendwann zur Besinnung kommt. Wir müssen es selbst angehen, jeder einzelne bei sich selbst zuerst, nur so können wir das Kollektiv verändern: Wir bestimmen was normal ist, und was nicht, indem wir es tun, oder lassen.

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Über Moral…

12. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gerade beschäftige ich mit Durkheim und finde ihn unerwartet sogar recht interessant! Mir kam beim Lesen eben ein Gedanke, und ehe er wieder verschwindet, wollte ich ihn schnell aufschreiben.

Ich denke häufig über die Anschläge von London vor wenigen Monaten nach und frage mich immer wieder, wie es dazu kommen konnte. In der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema störte mich vor allem immer wieder das klassische Schwarz-Weiß-Denken. Entweder man verurteilte die Jugendlichen, oder das System. Beides greift zu kurz, denke ich.

Zweifellos fehlte und fehlt es diesen Jugendlichen (und ich wage zu behaupten nicht nur diesen und nicht nur Jugendlichen) an einem sozialverträglichen Moralkodex. Es liegt nahe, den betroffenen Eltern vorzuwerfen, dass dies ihr Verschulden sei, und vermutlich haben sie tatsächlich auch einen gewissen Teil zum Gesamtergebnis beigetragen. Dem System andererseits vorzuwerfen, es produziere soziale Ungerechtigkeit und das Verhalten der Jugendlichen sei die logische Konsequenz dessen, hat sicherlich auch einen wahren Anteil, wenn auch man dennoch das anti-soziale Verhalten der Jugendlichen verurteilen könnte (als selbstbestimmte Menschen könnten sie sich ja dennoch moralisch korrekt verhalten).

Der Gedanke, der mir bei der Durkheim-Lektüre kam war aber vielmehr der, dass diese Jugendlichen, alle Kinder und Jugendlichen heute, tatsächlich ohne Moralverständnis aufwachsen. Und zwar nicht nur, weil die Eltern es ihnen vielleicht nicht gut genug vorleben. Sondern vielmehr, weil der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang, in dem wir alle uns bewegen, morallos ist. Der Staat lebt keine Moral vor, geschweige denn die Politik oder die (mittlerweile unsere Lebenswelt bestimmende) Wirtschaft. Es ist fast wie ein schlechter Witz, wenn eine solche Gesellschaft von ihren Mitgliedern verlangt, dass sie sich moralisch und ethisch korrekt verhalten sollen. Die Kultur und die Gesellschaft, in der wir leben, haben maßgeblichen Einfluss auf unsere Vorstellungen von Moral. Unsere Eltern sind so gesehen letztlich auch nur Teile der Gesellschaft. Wie also kann man erwarten, dass langfristig moralische Werte  in den Menschen erhalten bleiben, wenn die große Gesamtstruktur doch schon längst jeglicher Moral entsagt hat?

Das Problem, dass es zu lösen gilt, besteht in meinen Augen darin, dass nun die Individuen dem Staat Moralverlust vorwerfen und verlangen, er solle doch erst einmal damit anfangen, bevor er sie behellige. Im Gegenzug verhält der Staat sich natürlich ebenso. Es ist wie im Kindergarten: Du hast aber angefangen! Du musst dich zuerst entschuldigen!

Aber, was ist letztlich die Gesellschaft? Was ist ein Staat? Doch nichts anders, als ein Kollektiv aus Individuen. Wenn jeder Einzelne vor seiner eigenen Haustüre kehrt, dann kann man sich die Stadtreinigung sparen. Wenn jeder Einzelne für sich Verantwortung übernimmt und verantwortlich und moralisch handelt, dann ist das Ergebnis davon auf lange Sicht eine moralische Gesellschaft. Den Anfang muss jeder Einzelne bei sich selbst und seinem eigenen Handeln machen.

Man könnte argumentieren, dass es mich doch aber in meiner persönlichen Freiheit beschneidet, wenn ich mich rücksichtsvoll verhalten soll und nicht nur für meinen privaten Nutzen handele. Das mag vielleicht sein. Letztlich wird es aber leichter erträglich sein, sich selbst gelegentlich mal in den Allerwertesten zu treten, als früher oder später unglücklich mit den Auswirkungen einer morallosen, materiellen Gesellschaft leben zu müssen.

Wo bin ich?

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