Über Moral…

12. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gerade beschäftige ich mit Durkheim und finde ihn unerwartet sogar recht interessant! Mir kam beim Lesen eben ein Gedanke, und ehe er wieder verschwindet, wollte ich ihn schnell aufschreiben.

Ich denke häufig über die Anschläge von London vor wenigen Monaten nach und frage mich immer wieder, wie es dazu kommen konnte. In der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema störte mich vor allem immer wieder das klassische Schwarz-Weiß-Denken. Entweder man verurteilte die Jugendlichen, oder das System. Beides greift zu kurz, denke ich.

Zweifellos fehlte und fehlt es diesen Jugendlichen (und ich wage zu behaupten nicht nur diesen und nicht nur Jugendlichen) an einem sozialverträglichen Moralkodex. Es liegt nahe, den betroffenen Eltern vorzuwerfen, dass dies ihr Verschulden sei, und vermutlich haben sie tatsächlich auch einen gewissen Teil zum Gesamtergebnis beigetragen. Dem System andererseits vorzuwerfen, es produziere soziale Ungerechtigkeit und das Verhalten der Jugendlichen sei die logische Konsequenz dessen, hat sicherlich auch einen wahren Anteil, wenn auch man dennoch das anti-soziale Verhalten der Jugendlichen verurteilen könnte (als selbstbestimmte Menschen könnten sie sich ja dennoch moralisch korrekt verhalten).

Der Gedanke, der mir bei der Durkheim-Lektüre kam war aber vielmehr der, dass diese Jugendlichen, alle Kinder und Jugendlichen heute, tatsächlich ohne Moralverständnis aufwachsen. Und zwar nicht nur, weil die Eltern es ihnen vielleicht nicht gut genug vorleben. Sondern vielmehr, weil der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang, in dem wir alle uns bewegen, morallos ist. Der Staat lebt keine Moral vor, geschweige denn die Politik oder die (mittlerweile unsere Lebenswelt bestimmende) Wirtschaft. Es ist fast wie ein schlechter Witz, wenn eine solche Gesellschaft von ihren Mitgliedern verlangt, dass sie sich moralisch und ethisch korrekt verhalten sollen. Die Kultur und die Gesellschaft, in der wir leben, haben maßgeblichen Einfluss auf unsere Vorstellungen von Moral. Unsere Eltern sind so gesehen letztlich auch nur Teile der Gesellschaft. Wie also kann man erwarten, dass langfristig moralische Werte  in den Menschen erhalten bleiben, wenn die große Gesamtstruktur doch schon längst jeglicher Moral entsagt hat?

Das Problem, dass es zu lösen gilt, besteht in meinen Augen darin, dass nun die Individuen dem Staat Moralverlust vorwerfen und verlangen, er solle doch erst einmal damit anfangen, bevor er sie behellige. Im Gegenzug verhält der Staat sich natürlich ebenso. Es ist wie im Kindergarten: Du hast aber angefangen! Du musst dich zuerst entschuldigen!

Aber, was ist letztlich die Gesellschaft? Was ist ein Staat? Doch nichts anders, als ein Kollektiv aus Individuen. Wenn jeder Einzelne vor seiner eigenen Haustüre kehrt, dann kann man sich die Stadtreinigung sparen. Wenn jeder Einzelne für sich Verantwortung übernimmt und verantwortlich und moralisch handelt, dann ist das Ergebnis davon auf lange Sicht eine moralische Gesellschaft. Den Anfang muss jeder Einzelne bei sich selbst und seinem eigenen Handeln machen.

Man könnte argumentieren, dass es mich doch aber in meiner persönlichen Freiheit beschneidet, wenn ich mich rücksichtsvoll verhalten soll und nicht nur für meinen privaten Nutzen handele. Das mag vielleicht sein. Letztlich wird es aber leichter erträglich sein, sich selbst gelegentlich mal in den Allerwertesten zu treten, als früher oder später unglücklich mit den Auswirkungen einer morallosen, materiellen Gesellschaft leben zu müssen.

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