Vom geplanten Leben

19. November 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Leben geschieht heute nicht mehr einfach so. Es ist geplant, und zwar von vorne bis hinten. Die Schulbildung? Geplant. Karriere? Geplant. Freizeit? Geplant. Familiengründung? Geplant!

Es mag ja nicht schlecht sein, ein Zeil vor Augen zu haben und geradeaus daraufhin zu arbeiten, in vielen Zusammenhängen ist das oft auch wirklich sinnvoll. Schade ist dann lediglich, dass wir uns auf diese Weise praktisch nie die Zeit nehmen, auch mal nach links und rechts zu sehen (denn hier gäbe es ab und an auch etwas interessantes zu sehen).

Bei genauerem Betrachten aber wenigstens bedenkenswert ist es aber doch, dass eben auch  neues Leben minutiös geplant wird.

Dass in einigen Kreisen bereits 3 jährige einen Businessplan haben, davon mal ganz abgesehen. Es geht mir vielmehr um das Elternwerden und -sein an sich! Die meisten jungen Frauen, die ich kenne und die Kinder haben möchten, stellen sich über kurz oder lang die Frage: Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt um Kinder zu bekommen? Wann „passt“ es am besten? Vor oder während dem Studium? Direkt danach oder lieber doch erst, wenn man bereits in Lohn und Brot steht? Die Antworten sind entweder erfahrungsabhängig und sehr vielfältig, oder aber oft sehr gleich: Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht, es „passt“ eigentlich nie.

Natürlich muss man sich hier ganz grundsätzlich fragen, ob unsere moderne Arbeitswelt überhaupt mit Elternschaft kompatibel ist. Im kleineren Rahmen erörtert würde man jedoch wohl mit der Frage beginnen: Warum gibt es für viele keinen „richtigen“ Zeitpunkt für Kinder? Die Antwort darauf wäre wohl: Weil praktisch jede der oben aufgeführten Lebenssituationen irgendwelche Ängste mit sich bringt. Ist man noch in der Ausbildung muss man diese zwangsläufig für gewisse Zeit unterbrechen, spätestens wenn das Kind auf der Welt ist, und da Ausbildung und Studium etwas unverbindlicher sind als eine Festanstellung läuft man evtl. Gefahr, den Weg zurück nicht mehr zu finden und letztlich ohne Qualifikation dazustehen. Ein Kind direkt nach dem Studium könnte sich unter Umständen negativ auf eine spätere Jobsuche auswirken, weil einem vorgeworfen werden könnte, man sei nun ja doch etwas „raus“ aus der Materie. Die gleichen Befürchtungen gibt es auch bei der Kinder-Auszeit im Job: Wer weiß wie die oder der Vorgesetzte dazu steht und welche Möglichkeiten zum Wiedereinstieg man dann bekommt?

Eine Menge Ängste also, die hier zum Tragen kommen und den Schluss nahelegen, dass es eigentlich nie richtig „passt“. Meine nächste Frage wäre dann: Warum muss es eigentlich richtig „passen“? Warum planen wir eigentlich alles so genau? Meine Antwort: Weil wir wollen, dass alles möglichst optimal und perfekt läuft. Um das gewünschte Ziel zu erreichen muss man eben die Kontrolle über die Kursberechnungen übernehmen.

Man kann das niemandem übelnehmen, wer möchte nicht ein schönes und zufriedenes Leben haben? Das Problem an der Sache sind in meinen Augen vielmehr die Dinge, an denen wir diese Zufriedenheit festmachen. Eine erfolgreiche berufliche Karriere kann selbstverständlich eine zutiefst befriedigende Angelegenheit sein. Gleichzeitig kann sie aber auch das komplette Gegenteil sein, wenn sie eben nicht so verläuft, wie man das gerne hätte, oder wie es eben geplant war. Das ist nämlich die Krux am geplanten Leben: es ist nur solange gut wie der Plan funktioniert. Und eben genauso ist es auch mit dem Kinderkriegen: Wenn sich alles genauso einstellen würde, wie es geplant war, man zum geplanten Zeitpunkt schwanger würde, Schwangerschaft und Geburt unkompliziert verliefen, und das Kind alles genauso mitmachen würde, wie man sich das gedacht hatte, dann würde sich das alles vielleicht ansatzweise im Voraus berechnen lassen. Aber das Leben lässt sich nicht in die Karten schauen. Keine (natürliche) Schwangerschaft lässt sich festlegen, keine Geburt vorhersagen. Kein Kind ist wie ein anderes oder verhält sich nach jederzeit einsichtlichen Mustern. Keine Mutter (und Vater) reagiert gleich auf die Anstrengungen, die Geburt und Versorgung eines Kindes neben all der Freude auch mit sich bringen. Leben lässt sich nicht so einfach planen.

Es kann ja oft schon schwierig genug sein, den Interessen beider Partner gerecht zu werden. Mit einem Kind kommt zu den beiden (gehen wir mal davon aus) bereits vorhandenen Persönlichkeiten nun noch eine dritte hinzu, die ebenfalls beachtet werden will und die darin vor allem natürlicherweise nicht besonders kompromissbereit ist.

Nun könnte man denken, ‚um Himmels Willen, das macht die Sache ja nur noch komplizierter als sie ohnehin schon war!‘. Kompliziert ist das aber eben nur, wenn man zwanghaft versucht, es in geregelte Bahnen und vor allem einen vorher gefassten Plan einzuarbeiten. Dann müsste man wohl, in Anbetracht all der Dinge, die es dann zu bedenken gilt, das Handtuch werfen und mit dem Thema abschließen bevor man es überhaupt angegangen ist.

Ich finde aber: In Wahrheit ist es eine Chance. Weil das Leben ein Abenteuer ist. Das eigene Leben, aber vor allem auch ein neues Leben. Man weiß in der Tat nicht was auf einen zukommt und auch nicht, wie es ausgehen wird (aber tatsächlich weiß man das ja nie, auch nicht wenn man einen Plan aufgestellt hat). Es gibt Abschnitte in der Geschichte, in denen man großartige Dinge erlebt und solche in denen man große Anstrengungen zu meistern hat. Phasen der Angst wechseln sich ab mit Glück und Entspannung. Natürlich könnte man einfach zuhause auf seinem Sofa sitzenbleiben, statt sich ins Abenteuer zu stürzen. Aber dann würde man eben auch nicht diese unverwechselbaren Erfahrungen machen. Und ein Abenteuer ist doch nur so aufregend eben weil wir eben nie wissen, was hinter der nächsten Ecke lauert.

Leben ist darum doch eigentlich eine Chance, und besonders deutlich wird das mit der Geburt eines Kindes: nämlich die Chance, die Dinge einfach mal auf sich zukommen zu lassen und sich von der Story mitreißen zu lassen. Ohne alles detailliert zu planen um jeglichen Gefahren vorzubeugen. Aber im Vertrauen auf die eigenen Stärken und mit der Gewissheit, über sich selbst hinauswachsen zu können. Und wirklichen Genuss und wirkliche Freude erlebt man doch nur, wenn man eben nicht alles selbst eingefädelt hat, sondern sich an dem erfreuen kann, was einem unerwartet vor die Füße geschwemmt wird. Für das Glücklichsein gibt es keinen Businessplan.

 

 

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