Ein Hoch auf die Mittelmäßigkeit

3. Juli 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt einen Aspekt an der unsterblichen Debatte über die Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit den ich besonders interessant finde. Und zwar die Art und Weise, wie diejenigen Elternteile gesehen werden, die ihrer Kinder wegen zuhause, oder eben jedenfalls zeitweise oder auch langfristig nicht oder nur eingeschränkt erwerbstätig sind. Da fällt mir regelmäßig eine bestimmte Attitüde auf, die mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis dem jeweiligen Elternteil vorwirft, NUR Vater oder Mutter zu sein.

Wieso wird das solchen Menschen vorgeworfen, „nur“ Vater oder Mutter zu sein? Mein erster Gedanke war, dass manche Menschen vielleicht einfach ein bisschen neidisch sind, ein vermeintlich so „entspanntes“ (an dieser Stelle lache ich mal kurz) Leben zu haben, in dem man sich ja „nur“ um die Kinder kümmern muss. Man könnte natürlich diesen Ansatz noch weiter verfolgen und sagen nun ja, diejenigen haben ihren achso stressigen Job ja auch aus bestimmten Gründen selbst gewählt etc…

Aber das ist gar nicht mein eigentlicher Ansatz. Schon etwas spannender finde ich, dass es eben nicht nur eine Be- oder Verurteilung der betroffenen Person ist, sondern dass ja häufig auch eben wirklich ein Vorwurf dahinter steht. Nicht produktiv zu sein, nichts zum Gelingen der Gesellschaft, der Wirtschaft, des Landes usw. beizutragen (vgl. auch Hartz IV-Empfänger…). Nur wer produktiv ist, ist ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft, das steht doch dahinter. Und allein das wäre doch schon prinzipiell zu hinterfragen. Mal ganz davon abgesehen, dass es für mein Verständnis mal gerade einer der wichtigsten „Jobs“ in unserem Land ist, gute Menschen „hervorzubringen“. Aber auch hier wieder, warum wählt man immer die Analogschaltung zur Berufstätigkeit? Warum muss Kindererziehung als „Job“ oder „Arbeit“ bezeichnet oder mit solchen gleichgesetzt werden? Weil wir in diesen Strukturen von Produktivität vermittels des Faktors „Arbeit“(=Anstrengung) denken und bewerten. Produktiv ist gut, unproduktiv ist schlecht. Wenn man etwas als gut und wichtig verkaufen will, dann muss man hervorheben, wie produktiv es ist (also zum Beispiel dass Erziehungsarbeit wichtig ist, weil daraus dann später gute und arbeitsfähige Menschen entstehen…). Dazu kommt dann auch noch die Krux, das man ja am besten gleich in doppelter Hinsicht „produktiv sein soll“, nämlich in Bezug auf Erwerbstätigkeit und in Bezug auf Nachkommenschaft, aber das ist wiederum ein anderes Thema…

Aber auch auf der individuellen Ebene finde ich diese Art, Menschen gewissermaßen vorzuhalten, dass sie ja „nur“ Kindererziehung erbringen würden, oder sich in ihrem Leben die meiste Zeit des Tages mit anderen vermeintlichen Nichtigkeiten beschäftigten, sehr interessant. Denn manchmal kann man auch vernehmen, dass dabei (durchaus häufig gut gemeint) mitschwingt, die- oder derjenige würde ja gar nicht sein volles geistiges oder körperliches Potential ausschöpfen. Das geht auf einer Ebene natürlich auch wieder in die Richtung Produktivität. Zugleich kommt dabei auch etwas zum Vorschein, das für meine Begriffe den modernen heutigen Menschen kennzeichnet: dass er immer nach Erschöpfung seines kompletten Potentials strebt, oder streben sollte. Denn wenn man das nicht tut, wenn man nicht die beste Ausbildung genießt, die man sich leisten kann, und den besten Job ausübt, den man erreichen kann, dann wird man es vermutlich rückblickend bereuen, das man nicht alles aus sich heraus geholt hat, was an Potential in einem gesteckt hat. Dass man nicht Profifußballer wurde, obwohl man ein solch begnadetes Talent war. Das ist irgendwie simpel, aber dennoch bemerkenswert finde ich. Denn wieso sollte das eigentlich so sein? Wie kommen wir auf den Gedanken, dass wir, wenn wir dem Tod ins Auge sehen, es ausgerechnet bereuen, unsere geistigen oder körperlichen Fähigkeiten nicht besser auf den Markt gebracht zu haben (wieder so ein kapitalistischer Gedanke)?

Ich persönlich denke vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit, im Rückblick auf sein Leben unzufrieden zu sein, steigt, je stärker man sich bemüht hat, all seine Talente und Potentiale auszuschöpfen. Denn wenn man mal ehrlich ist, dann gibt es immer etwas, wo man nicht 100%ig zufrieden ist, wo man hätte mehr geben können oder müssen und das dann nagt. Schon im Leben selbst entsteht dadurch für meine Begriffe eine gewisse Getriebenheit, immer 1000%ig zu sein, um sich bloß später nichts vorwerfen zu können, eine unendliche Verkettung von Versuchen es immer noch besser zu machen. Oder eben jedenfalls wenigstens alles zu geben was man geben kann. Auf diese Weise hetzt man dann durch sein Leben, findet immer wieder Bereiche, die man noch hätte besser machen können. Und im Endeffekt kann man, streng genommen, dann niemals ganz zufrieden mit seinem Leben sein. Lieber ein „mittelmäßiges“ Leben, das ich genießen konnte, als ein „erstklassiges“, dem ich immer nur hinterhergerannt bin.

Wo bin ich?

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