Plädoyer für mehr Gelassenheit

4. November 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

In der modernen Kindererziehung scheint „Konsequenz“ das Zauberwort zu sein. „Seien sie konsequent mit ihrem Kind, dann wird es tun, was sie wollen.“ „Ihr Kind zeigt ein problematisches Verhalten? Vermutlich sind Sie nicht konsequent genug gewesen.“ Konsequenz ist die Tugend der guten Eltern, könnte man meinen.

Nun ist „konsequent sein“ an sich ja relativ unspezifisch. Es bedeutet eigentlich ja nicht viel mehr als zielstrebig zu handeln. Man hat ein bestimmtes Ziel oder Endergebnis im Blick und um dies zu erreichen müssen bestimmte Schritte getan werden. Ein Handeln, dass dem Erreichen dieses Ziels nicht direkt zuträglich ist, ist dementsprechend inkonsequent.

In Bezug auf Eltern und Kinder wird Konsequenz ja vor allem in Konfliktsituationen gepredigt: Die Mutter möchte dringend mit dem Kind zum Auto zurückgehen, damit das Parkticket nicht noch teurer wird. Das Kind möchte stattdessen aber lieber die Steinchen vom Weg sammeln. Hier wäre nun also der klassische Rat: Seien Sie konsequent! Sie wollen zum Auto zurück, dann gehen Sie zum Auto zurück! Natürlich wird ihr Kind protestieren, aber da müssen Sie dann auf Durchzug schalten, es muss lernen, dass Sie sich nicht von ihm auf der Nase herumtanzen lassen…usw. Es gibt noch hunderte andere Beispiele, aber die Essenz ist doch immer die gleiche: Das Kind muss lernen dem Willen der Eltern zu gehorchen. Konsequenz bedeutet dann: aus Konfliktsituationen sollten immer die Eltern als Sieger hervorgehen, sonst würde das Kind nicht lernen, dass es nicht alles haben kann, es würde vermutlich größenwahnsinnig und ein Tyrann werden. Das gewünschte Endergebnis dieses konsequenten Handelns wäre also ein Kind, das gehorcht weil es gelernt hat, dass Protestieren nichts nützt.

Was ich an dieser Form der Konsequenz besonders schwierig finde, ist die Tatsache, dass es ein sehr einseitiger Weg ist, der noch dazu alle Beteiligten einiges an Nerven kostet und auch noch ein fragliches Endergebnis hat. Klar: wer wünscht sich nicht ein Kind, dass umgänglich ist und im Zweifelsfall auch mal auf das hört, was man sagt (man denke nur an eine viel befahrene Straße…)? Ohne Frage wird man das Ziel, ein gehorchendes, „wohlerzogenes“ Kind zu bekommen, erreichen, wenn man konsequent mit dieser Konsequenz ist. Die Frage für mich ist nur: um welchen Preis?

Wenn man diese „Konsequenz“ mal herunter bricht auf seinen kleinsten Bestandteil, dann findet man heraus, dass es letztlich ja um nichts anderes geht, als dass das Kind tut was die Eltern wollen. Der Wille der Eltern zählt, der des Kindes nicht. Das Bedürfnis der Eltern ist immer wichtiger, als das des Kindes. Was lernt ein Kind also aus der Konsequenz? Es lernt dass sein Wille nicht zählt, dass seine Bedürfnisse unwichtig sind, vermutlich auch dass es selbst unwichtig ist. Es wird seine Bedürfnisse also auf lange Sicht nicht mehr wahrnehmen und äußern und ihnen nachgehen, weil es resigniert hat. Und wie wird es sich wohl später seinen Mitmenschen gegenüber verhalten? Wird es so lernen, dass andere Menschen vielleicht einen anderen Willen haben und dass man andere auch in ihrem Anderssein respektieren kann?

Aber ich kann meinem Kind doch auch nicht immer nachgeben, es kann doch nicht immer machen was es will? Das ist das klassische Schwarz-Weiß-Denken: Entweder ich bestimme, oder mein Kind. Es gibt immer einen Sieger und einen Verlierer. Würden wir das mit einem erwachsenen Mitmenschen auch so machen? Vermutlich nicht, wir würden versuchen einen Kompromiss zu finden, weil wir den anderen respektieren in seinem Bedürfnis, auch wenn es sich von unserem unterscheidet. Wir würden versuchen, dass es zwei Sieger gibt. Wieso also sollte man es mit einem Kind anders machen?

Einen Kompromiss zu finden, zwischen den Bedürfnissen der Eltern und denen des Kindes ist nicht immer einfach, aber es hat ja auch niemand behauptet, es sei leicht ein Kind großzuziehen. Es geht dabei nicht darum, dass sich ein Bedürfnis gegen das andere durchsetzt. Vielmehr ist es hilfreich, zunächst beide Seiten näher zu betrachten: Zum Beispiel das Kind, das jetzt gerne mit den kleinen Steinchen auf dem Weg spielen möchte, weil es stolz darauf ist, dass es diese fitzeligen kleinen Dinger so mühelos aufsammeln kann und diese Wunderstücke der Natur gerne seinen Eltern schenken möchte. Und dann das Parkticket, dessen Überzug Geld kostet.

Meine Erfahrung ist, dass sich in den allermeisten Situationen, in denen wir Erwachsenen denken wir hätten wahnsinnig wichtige Gründe, herausstellt, dass ebendiese verglichen mit der Freude des Kindes und dem Lerneffekt, den es aus eben dieser Handlung erhält, relativ nichtig sind. Was sind schon 50 Cent. Was sind schon 5 Minuten, die man später zu einem Termin kommt. Stattdessen könnten wir uns einfach auf die nächste Parkbank setzen, die Sonne genießen und unserem Kind dabei zusehen, wie es Freude an sich und der Natur hat. Und das Interessante dabei ist, dass man meistens trotzdem schneller (aber vor allem nervenschonender) doch irgendwann an sein Ziel kommt, wenn man dem Kind die Freiheit gibt, seinem Bedürfnis nachzugehen. Wenn es eine Weile mit den Steinchen spielen durfte, wird es auf die erneute Frage hin sehr wahrscheinlich bald bereit sein, zurück zum Auto zugehen. Ein Bedürfnis erlischt nicht, wenn es verboten wird. Es erlischt erst, wenn es befriedigt wurde und dafür reichen tatsächlich manchmal wenige Minuten. Und auch die wirklich wichtigen, weil z.B. für das Kind potentiell gefährlichen, Situationen erfordern zumeist nicht Konsequenz im Sinne von „ich habe NEIN gesagt und dabei bleibt es“. Wenn das Kind mit einem scharfen Messer spielen möchte, dann wird es wesentlich schneller lernen, dass es damit nicht spielen sollte, wenn es erfährt, warum es das nicht sollte. Ein NEIN alleine erklärt nichts. Man muss dem Kind ja nicht in die Hand schneiden um ihm zu zeigen, was passieren könnte. Aber eine zu unkonkrete Erklärung hilft meist genauso wenig wie gar keine Erklärung.

Die Beziehung von Eltern und Kindern ist kein Gegeneinander. Es geht nicht darum es nur dem Einen oder nur dem Anderen recht zu machen. Es geht darum einen Weg zu finden, der beiden gerecht wird. Ein Kind das gehört wird, das wird mit großer Wahrscheinlichkeit auf auf seine Eltern mit ihren Bedürfnissen (oder auch mal Verboten) hören, weil es selbst gelernt hat dass es gut tut gehört zu werden.

Ich finde darum, wir Eltern sollten weniger konsequent „konsequent“ und viel häufiger konsequent gelassen sein. Das würde uns allen viel Stress ersparen. Es geht darum, seine Beweggründe zu überdenken und zu erkennen, dass wir Erwachsenen uns nicht selten viel wichtiger nehmen, als es angebracht wäre. Dass wir uns unser Verhalten unseren Kindern gegenüber von außen diktieren lassen, sei es nun ganz konkret jemand mit einem tollen Tipp zur Konsequenz, oder eben die verdammte Parkuhr, der Termin ö.ä. Denn mal ehrlich, wer sitzt denn nicht lieber auf einer Bank in der Sonne als völlig gestresst mit einem schreienden Kind zu einer Parkuhr zu hetzen?

Gelassenheit und Entschleunigung. Das sollten für mich die Zauberwörter für Eltern sein. Wie schon Balu der Bär sagte: Probiers mal mit Gemütlichkeit!

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Elternschaft und Wirtschaft

24. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gerade habe ich die Info zu einer Veranstaltung gelesen, die sich mit dem Thema „Mutterwahn“ beschäftigt und da fielen mir so einige Gedanken zum Thema Vereinbarkeit von Kind und Beruf wieder ein, die ich mir bei unterschiedlichen Gelegenheiten zu diesem Thema mal gemacht hatte.

Interessant an dem Begriff „Mutterwahn“ finde ich die Annahme von „normal“ und „nicht normal“ die darin impliziert ist. Gemeint ist damit wohl eine >überdurchschnittliche< Identifizierung von Frauen mit ihrer Mutterrolle, wobei der Begriff „Wahn“ natürlich einen missbilligenden Unterton hat. Was jedoch versteht man nun als „normal“ und was als „übertrieben“?

Zum Beispiel werde ich recht häufig gefragt, ob ich denn für meinen knapp Zweijährigen einen Betreuungsplatz habe. Es entspricht also, meiner Erfahrung nach, wohl eher der Norm, sein Kind spätestens mit 1 Jahr von jemand anderem betreuen zu lassen, als dies selbst tun. Dementsprechend werden natürlich Mütter und Väter betrachtet, die sich dafür entschließen, ihr Kind in den ersten 3 Jahren selbst zu betreuen, sehr viele Menschen empfinden das bereits als übertrieben oder vielmehr unnötig.

Ich finde das ist eine interessante Beobachtung, die man irgendwie als selbstverständlich ansieht und dadurch für gewöhnlich übersieht. Die Frage ist doch: warum ist es mehr oder weniger selbstverständlich, Kinder zu bekommen und sie recht bald von jemand anderem betreuen zu lassen?

Die meisten werden wohl antworten „weil beide Elternteile wieder arbeiten gehen wollen oder müssen.“

Wer sich mit Debatten dieser Art auseinandergesetzt hat, oder sich vielleicht selbst schon damit konfrontiert sah, hat gespürt, dass dieses Thema ein offensichtlich sehr heikles ist, es geht sehr schnell sehr emotional zu. Jede sagt zwar „dass muss jede für sich entscheiden“, in Wahrheit wertet man aber doch. Die Frauen, die ihr Kind früh abgeben, haben ihre Gründe und die, die es nicht tun, ebenso. Meistens wird dann darüber diskutiert, ob diese jeweiligen Gründe rechtfertigend sind. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich mühsam und wenig ertragreich.

Meine Meinung ist, dass es eine verdammte Misere ist, dass man überhaupt darüber diskutieren muss. Dass so viele Mütter und Väter überhaupt gezwungen sind, solche zumeist doch sehr belastenden Entscheidungen zu treffen: „Kind oder Berufstätigkeit“ oder zumindest „Kind oder Karriere“. Ohne Frage wäre es erleichternd für die Mütter, wenn die Väter mehr Erziehungszeit nehmen würden, aber der Stein der Weisen ist es doch auch nicht, denn für die Väter ist es letztlich genau die gleiche Problematik, wie für die Mütter: „Kind oder Karriere?“.

Mir fällt in diesem Zusammenhang immer ein Satz ein, den Barack Obama (oder war es Hillary Clinton?) in Bezug auf die Abtreibungsproblematik in den USA äußerte: Dass es nicht fair sei, die Frauen für ihre Entscheidung zu belangen, die ihnen selbst sicher nicht leicht fällt, sondern dass man vielmehr dahin investieren sollte, dass sie sich erst gar nicht zu solchen drastischen Entscheidungen gezwungen sehen.

Natürlich ist es ein etwas anderer Zusammenhang, aber der Grundgedanke ist wie ich finde doch der gleiche: halten wir uns mit den Konsequenzen auf, die aus einer Problemlage entstehen, oder versuchen wir nicht lieber die Problemlage zu verändern?

Was die Vereinbarkeit von befriedigender Elternschaft und befriedigender Berufstätigkeit angeht sage ich nämlich: auf dem aktuellen modernen Arbeitsmarkt, geprägt und bestimmt von Wirtschaftlichkeit, gibt es da keine Vereinbarkeit, nur lauwarme und unbefriedigende Kompromisse. Die Wirtschaft diktiert die Spielregeln, nicht die Menschlichkeit.

Aber wir haben uns alle schon so damit abgefunden, dass die Regeln unseres Leben fremdbestimmt werden, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, ob das mit einem menschlichen Dasein überhaupt vereinbar ist. Es ist „normal“, wenn man sein Kind früh in eine Krippe oder zur Tagesmutter gibt, weil darin eben die Anpassung an den modernen Arbeitsmarkt besteht. (Nochmal: ich möchte hier nicht darüber urteilen, ob es richtig oder falsch ist das zu tun). Und unangepasst gilt eben als „nicht normal“, oder sagen wir mal entschärft „selten“.

Noch vor einigen Jahrzehnten hätte es sich mit diesem Verständnis von „normal“ und „selten“ genau andersherum verhalten. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich die Normvorstellungen immer wieder verändert, und zwar in Abhängigkeit davon, welche Geistesströmungen gerade modern bzw. am einflussreichsten waren (und gerade in Fragen der Kindererziehung kräuseln sich einem da ja so manches mal die Fußnägel).

Und nun ist es eben die Wirtschaft, die alle Bereiche des menschlichen Lebens so vollständig durchzogen hat wie Schimmel ein Brot. Die dazu beigetragen hat, dass das zur Welt bringen und Begleiten von Kindern (an sich! als Bestandteil menschlichen Lebens; genauso wie übrigens auch das Pflegen von alten Menschen/Angehörigen) in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertung einen niedrigeren Stellenwert angenommen hat, als das Ausüben eines Berufes (und damit der aktiven Beteiligung am Wirtschaftsprozess). Das ist für mein Verständnis so verheerend, dass der Bedarf, nach wirklicher, tiefgreifender Veränderung des Arbeitsmarktes (und des ganzen gesellschaftlichen Wertesystems) doch offensichtlich ist. Aber dafür müssten wir u.a. unser Verständnis von „Arbeit“ gänzlich überarbeiten. Es müssten gänzlich andere Maßstäbe angelegt, andere Prioritäten gesetzt werden. Wir können nicht darauf hoffen, dass irgendein Politiker irgendwann zur Besinnung kommt. Wir müssen es selbst angehen, jeder einzelne bei sich selbst zuerst, nur so können wir das Kollektiv verändern: Wir bestimmen was normal ist, und was nicht, indem wir es tun, oder lassen.

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