Ein Hoch auf die Mittelmäßigkeit

3. Juli 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt einen Aspekt an der unsterblichen Debatte über die Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit den ich besonders interessant finde. Und zwar die Art und Weise, wie diejenigen Elternteile gesehen werden, die ihrer Kinder wegen zuhause, oder eben jedenfalls zeitweise oder auch langfristig nicht oder nur eingeschränkt erwerbstätig sind. Da fällt mir regelmäßig eine bestimmte Attitüde auf, die mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis dem jeweiligen Elternteil vorwirft, NUR Vater oder Mutter zu sein.

Wieso wird das solchen Menschen vorgeworfen, „nur“ Vater oder Mutter zu sein? Mein erster Gedanke war, dass manche Menschen vielleicht einfach ein bisschen neidisch sind, ein vermeintlich so „entspanntes“ (an dieser Stelle lache ich mal kurz) Leben zu haben, in dem man sich ja „nur“ um die Kinder kümmern muss. Man könnte natürlich diesen Ansatz noch weiter verfolgen und sagen nun ja, diejenigen haben ihren achso stressigen Job ja auch aus bestimmten Gründen selbst gewählt etc…

Aber das ist gar nicht mein eigentlicher Ansatz. Schon etwas spannender finde ich, dass es eben nicht nur eine Be- oder Verurteilung der betroffenen Person ist, sondern dass ja häufig auch eben wirklich ein Vorwurf dahinter steht. Nicht produktiv zu sein, nichts zum Gelingen der Gesellschaft, der Wirtschaft, des Landes usw. beizutragen (vgl. auch Hartz IV-Empfänger…). Nur wer produktiv ist, ist ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft, das steht doch dahinter. Und allein das wäre doch schon prinzipiell zu hinterfragen. Mal ganz davon abgesehen, dass es für mein Verständnis mal gerade einer der wichtigsten „Jobs“ in unserem Land ist, gute Menschen „hervorzubringen“. Aber auch hier wieder, warum wählt man immer die Analogschaltung zur Berufstätigkeit? Warum muss Kindererziehung als „Job“ oder „Arbeit“ bezeichnet oder mit solchen gleichgesetzt werden? Weil wir in diesen Strukturen von Produktivität vermittels des Faktors „Arbeit“(=Anstrengung) denken und bewerten. Produktiv ist gut, unproduktiv ist schlecht. Wenn man etwas als gut und wichtig verkaufen will, dann muss man hervorheben, wie produktiv es ist (also zum Beispiel dass Erziehungsarbeit wichtig ist, weil daraus dann später gute und arbeitsfähige Menschen entstehen…). Dazu kommt dann auch noch die Krux, das man ja am besten gleich in doppelter Hinsicht „produktiv sein soll“, nämlich in Bezug auf Erwerbstätigkeit und in Bezug auf Nachkommenschaft, aber das ist wiederum ein anderes Thema…

Aber auch auf der individuellen Ebene finde ich diese Art, Menschen gewissermaßen vorzuhalten, dass sie ja „nur“ Kindererziehung erbringen würden, oder sich in ihrem Leben die meiste Zeit des Tages mit anderen vermeintlichen Nichtigkeiten beschäftigten, sehr interessant. Denn manchmal kann man auch vernehmen, dass dabei (durchaus häufig gut gemeint) mitschwingt, die- oder derjenige würde ja gar nicht sein volles geistiges oder körperliches Potential ausschöpfen. Das geht auf einer Ebene natürlich auch wieder in die Richtung Produktivität. Zugleich kommt dabei auch etwas zum Vorschein, das für meine Begriffe den modernen heutigen Menschen kennzeichnet: dass er immer nach Erschöpfung seines kompletten Potentials strebt, oder streben sollte. Denn wenn man das nicht tut, wenn man nicht die beste Ausbildung genießt, die man sich leisten kann, und den besten Job ausübt, den man erreichen kann, dann wird man es vermutlich rückblickend bereuen, das man nicht alles aus sich heraus geholt hat, was an Potential in einem gesteckt hat. Dass man nicht Profifußballer wurde, obwohl man ein solch begnadetes Talent war. Das ist irgendwie simpel, aber dennoch bemerkenswert finde ich. Denn wieso sollte das eigentlich so sein? Wie kommen wir auf den Gedanken, dass wir, wenn wir dem Tod ins Auge sehen, es ausgerechnet bereuen, unsere geistigen oder körperlichen Fähigkeiten nicht besser auf den Markt gebracht zu haben (wieder so ein kapitalistischer Gedanke)?

Ich persönlich denke vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit, im Rückblick auf sein Leben unzufrieden zu sein, steigt, je stärker man sich bemüht hat, all seine Talente und Potentiale auszuschöpfen. Denn wenn man mal ehrlich ist, dann gibt es immer etwas, wo man nicht 100%ig zufrieden ist, wo man hätte mehr geben können oder müssen und das dann nagt. Schon im Leben selbst entsteht dadurch für meine Begriffe eine gewisse Getriebenheit, immer 1000%ig zu sein, um sich bloß später nichts vorwerfen zu können, eine unendliche Verkettung von Versuchen es immer noch besser zu machen. Oder eben jedenfalls wenigstens alles zu geben was man geben kann. Auf diese Weise hetzt man dann durch sein Leben, findet immer wieder Bereiche, die man noch hätte besser machen können. Und im Endeffekt kann man, streng genommen, dann niemals ganz zufrieden mit seinem Leben sein. Lieber ein „mittelmäßiges“ Leben, das ich genießen konnte, als ein „erstklassiges“, dem ich immer nur hinterhergerannt bin.

Vom geplanten Leben

19. November 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Leben geschieht heute nicht mehr einfach so. Es ist geplant, und zwar von vorne bis hinten. Die Schulbildung? Geplant. Karriere? Geplant. Freizeit? Geplant. Familiengründung? Geplant!

Es mag ja nicht schlecht sein, ein Zeil vor Augen zu haben und geradeaus daraufhin zu arbeiten, in vielen Zusammenhängen ist das oft auch wirklich sinnvoll. Schade ist dann lediglich, dass wir uns auf diese Weise praktisch nie die Zeit nehmen, auch mal nach links und rechts zu sehen (denn hier gäbe es ab und an auch etwas interessantes zu sehen).

Bei genauerem Betrachten aber wenigstens bedenkenswert ist es aber doch, dass eben auch  neues Leben minutiös geplant wird.

Dass in einigen Kreisen bereits 3 jährige einen Businessplan haben, davon mal ganz abgesehen. Es geht mir vielmehr um das Elternwerden und -sein an sich! Die meisten jungen Frauen, die ich kenne und die Kinder haben möchten, stellen sich über kurz oder lang die Frage: Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt um Kinder zu bekommen? Wann „passt“ es am besten? Vor oder während dem Studium? Direkt danach oder lieber doch erst, wenn man bereits in Lohn und Brot steht? Die Antworten sind entweder erfahrungsabhängig und sehr vielfältig, oder aber oft sehr gleich: Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht, es „passt“ eigentlich nie.

Natürlich muss man sich hier ganz grundsätzlich fragen, ob unsere moderne Arbeitswelt überhaupt mit Elternschaft kompatibel ist. Im kleineren Rahmen erörtert würde man jedoch wohl mit der Frage beginnen: Warum gibt es für viele keinen „richtigen“ Zeitpunkt für Kinder? Die Antwort darauf wäre wohl: Weil praktisch jede der oben aufgeführten Lebenssituationen irgendwelche Ängste mit sich bringt. Ist man noch in der Ausbildung muss man diese zwangsläufig für gewisse Zeit unterbrechen, spätestens wenn das Kind auf der Welt ist, und da Ausbildung und Studium etwas unverbindlicher sind als eine Festanstellung läuft man evtl. Gefahr, den Weg zurück nicht mehr zu finden und letztlich ohne Qualifikation dazustehen. Ein Kind direkt nach dem Studium könnte sich unter Umständen negativ auf eine spätere Jobsuche auswirken, weil einem vorgeworfen werden könnte, man sei nun ja doch etwas „raus“ aus der Materie. Die gleichen Befürchtungen gibt es auch bei der Kinder-Auszeit im Job: Wer weiß wie die oder der Vorgesetzte dazu steht und welche Möglichkeiten zum Wiedereinstieg man dann bekommt?

Eine Menge Ängste also, die hier zum Tragen kommen und den Schluss nahelegen, dass es eigentlich nie richtig „passt“. Meine nächste Frage wäre dann: Warum muss es eigentlich richtig „passen“? Warum planen wir eigentlich alles so genau? Meine Antwort: Weil wir wollen, dass alles möglichst optimal und perfekt läuft. Um das gewünschte Ziel zu erreichen muss man eben die Kontrolle über die Kursberechnungen übernehmen.

Man kann das niemandem übelnehmen, wer möchte nicht ein schönes und zufriedenes Leben haben? Das Problem an der Sache sind in meinen Augen vielmehr die Dinge, an denen wir diese Zufriedenheit festmachen. Eine erfolgreiche berufliche Karriere kann selbstverständlich eine zutiefst befriedigende Angelegenheit sein. Gleichzeitig kann sie aber auch das komplette Gegenteil sein, wenn sie eben nicht so verläuft, wie man das gerne hätte, oder wie es eben geplant war. Das ist nämlich die Krux am geplanten Leben: es ist nur solange gut wie der Plan funktioniert. Und eben genauso ist es auch mit dem Kinderkriegen: Wenn sich alles genauso einstellen würde, wie es geplant war, man zum geplanten Zeitpunkt schwanger würde, Schwangerschaft und Geburt unkompliziert verliefen, und das Kind alles genauso mitmachen würde, wie man sich das gedacht hatte, dann würde sich das alles vielleicht ansatzweise im Voraus berechnen lassen. Aber das Leben lässt sich nicht in die Karten schauen. Keine (natürliche) Schwangerschaft lässt sich festlegen, keine Geburt vorhersagen. Kein Kind ist wie ein anderes oder verhält sich nach jederzeit einsichtlichen Mustern. Keine Mutter (und Vater) reagiert gleich auf die Anstrengungen, die Geburt und Versorgung eines Kindes neben all der Freude auch mit sich bringen. Leben lässt sich nicht so einfach planen.

Es kann ja oft schon schwierig genug sein, den Interessen beider Partner gerecht zu werden. Mit einem Kind kommt zu den beiden (gehen wir mal davon aus) bereits vorhandenen Persönlichkeiten nun noch eine dritte hinzu, die ebenfalls beachtet werden will und die darin vor allem natürlicherweise nicht besonders kompromissbereit ist.

Nun könnte man denken, ‚um Himmels Willen, das macht die Sache ja nur noch komplizierter als sie ohnehin schon war!‘. Kompliziert ist das aber eben nur, wenn man zwanghaft versucht, es in geregelte Bahnen und vor allem einen vorher gefassten Plan einzuarbeiten. Dann müsste man wohl, in Anbetracht all der Dinge, die es dann zu bedenken gilt, das Handtuch werfen und mit dem Thema abschließen bevor man es überhaupt angegangen ist.

Ich finde aber: In Wahrheit ist es eine Chance. Weil das Leben ein Abenteuer ist. Das eigene Leben, aber vor allem auch ein neues Leben. Man weiß in der Tat nicht was auf einen zukommt und auch nicht, wie es ausgehen wird (aber tatsächlich weiß man das ja nie, auch nicht wenn man einen Plan aufgestellt hat). Es gibt Abschnitte in der Geschichte, in denen man großartige Dinge erlebt und solche in denen man große Anstrengungen zu meistern hat. Phasen der Angst wechseln sich ab mit Glück und Entspannung. Natürlich könnte man einfach zuhause auf seinem Sofa sitzenbleiben, statt sich ins Abenteuer zu stürzen. Aber dann würde man eben auch nicht diese unverwechselbaren Erfahrungen machen. Und ein Abenteuer ist doch nur so aufregend eben weil wir eben nie wissen, was hinter der nächsten Ecke lauert.

Leben ist darum doch eigentlich eine Chance, und besonders deutlich wird das mit der Geburt eines Kindes: nämlich die Chance, die Dinge einfach mal auf sich zukommen zu lassen und sich von der Story mitreißen zu lassen. Ohne alles detailliert zu planen um jeglichen Gefahren vorzubeugen. Aber im Vertrauen auf die eigenen Stärken und mit der Gewissheit, über sich selbst hinauswachsen zu können. Und wirklichen Genuss und wirkliche Freude erlebt man doch nur, wenn man eben nicht alles selbst eingefädelt hat, sondern sich an dem erfreuen kann, was einem unerwartet vor die Füße geschwemmt wird. Für das Glücklichsein gibt es keinen Businessplan.

 

 

Plädoyer für mehr Gelassenheit

4. November 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

In der modernen Kindererziehung scheint „Konsequenz“ das Zauberwort zu sein. „Seien sie konsequent mit ihrem Kind, dann wird es tun, was sie wollen.“ „Ihr Kind zeigt ein problematisches Verhalten? Vermutlich sind Sie nicht konsequent genug gewesen.“ Konsequenz ist die Tugend der guten Eltern, könnte man meinen.

Nun ist „konsequent sein“ an sich ja relativ unspezifisch. Es bedeutet eigentlich ja nicht viel mehr als zielstrebig zu handeln. Man hat ein bestimmtes Ziel oder Endergebnis im Blick und um dies zu erreichen müssen bestimmte Schritte getan werden. Ein Handeln, dass dem Erreichen dieses Ziels nicht direkt zuträglich ist, ist dementsprechend inkonsequent.

In Bezug auf Eltern und Kinder wird Konsequenz ja vor allem in Konfliktsituationen gepredigt: Die Mutter möchte dringend mit dem Kind zum Auto zurückgehen, damit das Parkticket nicht noch teurer wird. Das Kind möchte stattdessen aber lieber die Steinchen vom Weg sammeln. Hier wäre nun also der klassische Rat: Seien Sie konsequent! Sie wollen zum Auto zurück, dann gehen Sie zum Auto zurück! Natürlich wird ihr Kind protestieren, aber da müssen Sie dann auf Durchzug schalten, es muss lernen, dass Sie sich nicht von ihm auf der Nase herumtanzen lassen…usw. Es gibt noch hunderte andere Beispiele, aber die Essenz ist doch immer die gleiche: Das Kind muss lernen dem Willen der Eltern zu gehorchen. Konsequenz bedeutet dann: aus Konfliktsituationen sollten immer die Eltern als Sieger hervorgehen, sonst würde das Kind nicht lernen, dass es nicht alles haben kann, es würde vermutlich größenwahnsinnig und ein Tyrann werden. Das gewünschte Endergebnis dieses konsequenten Handelns wäre also ein Kind, das gehorcht weil es gelernt hat, dass Protestieren nichts nützt.

Was ich an dieser Form der Konsequenz besonders schwierig finde, ist die Tatsache, dass es ein sehr einseitiger Weg ist, der noch dazu alle Beteiligten einiges an Nerven kostet und auch noch ein fragliches Endergebnis hat. Klar: wer wünscht sich nicht ein Kind, dass umgänglich ist und im Zweifelsfall auch mal auf das hört, was man sagt (man denke nur an eine viel befahrene Straße…)? Ohne Frage wird man das Ziel, ein gehorchendes, „wohlerzogenes“ Kind zu bekommen, erreichen, wenn man konsequent mit dieser Konsequenz ist. Die Frage für mich ist nur: um welchen Preis?

Wenn man diese „Konsequenz“ mal herunter bricht auf seinen kleinsten Bestandteil, dann findet man heraus, dass es letztlich ja um nichts anderes geht, als dass das Kind tut was die Eltern wollen. Der Wille der Eltern zählt, der des Kindes nicht. Das Bedürfnis der Eltern ist immer wichtiger, als das des Kindes. Was lernt ein Kind also aus der Konsequenz? Es lernt dass sein Wille nicht zählt, dass seine Bedürfnisse unwichtig sind, vermutlich auch dass es selbst unwichtig ist. Es wird seine Bedürfnisse also auf lange Sicht nicht mehr wahrnehmen und äußern und ihnen nachgehen, weil es resigniert hat. Und wie wird es sich wohl später seinen Mitmenschen gegenüber verhalten? Wird es so lernen, dass andere Menschen vielleicht einen anderen Willen haben und dass man andere auch in ihrem Anderssein respektieren kann?

Aber ich kann meinem Kind doch auch nicht immer nachgeben, es kann doch nicht immer machen was es will? Das ist das klassische Schwarz-Weiß-Denken: Entweder ich bestimme, oder mein Kind. Es gibt immer einen Sieger und einen Verlierer. Würden wir das mit einem erwachsenen Mitmenschen auch so machen? Vermutlich nicht, wir würden versuchen einen Kompromiss zu finden, weil wir den anderen respektieren in seinem Bedürfnis, auch wenn es sich von unserem unterscheidet. Wir würden versuchen, dass es zwei Sieger gibt. Wieso also sollte man es mit einem Kind anders machen?

Einen Kompromiss zu finden, zwischen den Bedürfnissen der Eltern und denen des Kindes ist nicht immer einfach, aber es hat ja auch niemand behauptet, es sei leicht ein Kind großzuziehen. Es geht dabei nicht darum, dass sich ein Bedürfnis gegen das andere durchsetzt. Vielmehr ist es hilfreich, zunächst beide Seiten näher zu betrachten: Zum Beispiel das Kind, das jetzt gerne mit den kleinen Steinchen auf dem Weg spielen möchte, weil es stolz darauf ist, dass es diese fitzeligen kleinen Dinger so mühelos aufsammeln kann und diese Wunderstücke der Natur gerne seinen Eltern schenken möchte. Und dann das Parkticket, dessen Überzug Geld kostet.

Meine Erfahrung ist, dass sich in den allermeisten Situationen, in denen wir Erwachsenen denken wir hätten wahnsinnig wichtige Gründe, herausstellt, dass ebendiese verglichen mit der Freude des Kindes und dem Lerneffekt, den es aus eben dieser Handlung erhält, relativ nichtig sind. Was sind schon 50 Cent. Was sind schon 5 Minuten, die man später zu einem Termin kommt. Stattdessen könnten wir uns einfach auf die nächste Parkbank setzen, die Sonne genießen und unserem Kind dabei zusehen, wie es Freude an sich und der Natur hat. Und das Interessante dabei ist, dass man meistens trotzdem schneller (aber vor allem nervenschonender) doch irgendwann an sein Ziel kommt, wenn man dem Kind die Freiheit gibt, seinem Bedürfnis nachzugehen. Wenn es eine Weile mit den Steinchen spielen durfte, wird es auf die erneute Frage hin sehr wahrscheinlich bald bereit sein, zurück zum Auto zugehen. Ein Bedürfnis erlischt nicht, wenn es verboten wird. Es erlischt erst, wenn es befriedigt wurde und dafür reichen tatsächlich manchmal wenige Minuten. Und auch die wirklich wichtigen, weil z.B. für das Kind potentiell gefährlichen, Situationen erfordern zumeist nicht Konsequenz im Sinne von „ich habe NEIN gesagt und dabei bleibt es“. Wenn das Kind mit einem scharfen Messer spielen möchte, dann wird es wesentlich schneller lernen, dass es damit nicht spielen sollte, wenn es erfährt, warum es das nicht sollte. Ein NEIN alleine erklärt nichts. Man muss dem Kind ja nicht in die Hand schneiden um ihm zu zeigen, was passieren könnte. Aber eine zu unkonkrete Erklärung hilft meist genauso wenig wie gar keine Erklärung.

Die Beziehung von Eltern und Kindern ist kein Gegeneinander. Es geht nicht darum es nur dem Einen oder nur dem Anderen recht zu machen. Es geht darum einen Weg zu finden, der beiden gerecht wird. Ein Kind das gehört wird, das wird mit großer Wahrscheinlichkeit auf auf seine Eltern mit ihren Bedürfnissen (oder auch mal Verboten) hören, weil es selbst gelernt hat dass es gut tut gehört zu werden.

Ich finde darum, wir Eltern sollten weniger konsequent „konsequent“ und viel häufiger konsequent gelassen sein. Das würde uns allen viel Stress ersparen. Es geht darum, seine Beweggründe zu überdenken und zu erkennen, dass wir Erwachsenen uns nicht selten viel wichtiger nehmen, als es angebracht wäre. Dass wir uns unser Verhalten unseren Kindern gegenüber von außen diktieren lassen, sei es nun ganz konkret jemand mit einem tollen Tipp zur Konsequenz, oder eben die verdammte Parkuhr, der Termin ö.ä. Denn mal ehrlich, wer sitzt denn nicht lieber auf einer Bank in der Sonne als völlig gestresst mit einem schreienden Kind zu einer Parkuhr zu hetzen?

Gelassenheit und Entschleunigung. Das sollten für mich die Zauberwörter für Eltern sein. Wie schon Balu der Bär sagte: Probiers mal mit Gemütlichkeit!

Elternschaft und Wirtschaft

24. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gerade habe ich die Info zu einer Veranstaltung gelesen, die sich mit dem Thema „Mutterwahn“ beschäftigt und da fielen mir so einige Gedanken zum Thema Vereinbarkeit von Kind und Beruf wieder ein, die ich mir bei unterschiedlichen Gelegenheiten zu diesem Thema mal gemacht hatte.

Interessant an dem Begriff „Mutterwahn“ finde ich die Annahme von „normal“ und „nicht normal“ die darin impliziert ist. Gemeint ist damit wohl eine >überdurchschnittliche< Identifizierung von Frauen mit ihrer Mutterrolle, wobei der Begriff „Wahn“ natürlich einen missbilligenden Unterton hat. Was jedoch versteht man nun als „normal“ und was als „übertrieben“?

Zum Beispiel werde ich recht häufig gefragt, ob ich denn für meinen knapp Zweijährigen einen Betreuungsplatz habe. Es entspricht also, meiner Erfahrung nach, wohl eher der Norm, sein Kind spätestens mit 1 Jahr von jemand anderem betreuen zu lassen, als dies selbst tun. Dementsprechend werden natürlich Mütter und Väter betrachtet, die sich dafür entschließen, ihr Kind in den ersten 3 Jahren selbst zu betreuen, sehr viele Menschen empfinden das bereits als übertrieben oder vielmehr unnötig.

Ich finde das ist eine interessante Beobachtung, die man irgendwie als selbstverständlich ansieht und dadurch für gewöhnlich übersieht. Die Frage ist doch: warum ist es mehr oder weniger selbstverständlich, Kinder zu bekommen und sie recht bald von jemand anderem betreuen zu lassen?

Die meisten werden wohl antworten „weil beide Elternteile wieder arbeiten gehen wollen oder müssen.“

Wer sich mit Debatten dieser Art auseinandergesetzt hat, oder sich vielleicht selbst schon damit konfrontiert sah, hat gespürt, dass dieses Thema ein offensichtlich sehr heikles ist, es geht sehr schnell sehr emotional zu. Jede sagt zwar „dass muss jede für sich entscheiden“, in Wahrheit wertet man aber doch. Die Frauen, die ihr Kind früh abgeben, haben ihre Gründe und die, die es nicht tun, ebenso. Meistens wird dann darüber diskutiert, ob diese jeweiligen Gründe rechtfertigend sind. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich mühsam und wenig ertragreich.

Meine Meinung ist, dass es eine verdammte Misere ist, dass man überhaupt darüber diskutieren muss. Dass so viele Mütter und Väter überhaupt gezwungen sind, solche zumeist doch sehr belastenden Entscheidungen zu treffen: „Kind oder Berufstätigkeit“ oder zumindest „Kind oder Karriere“. Ohne Frage wäre es erleichternd für die Mütter, wenn die Väter mehr Erziehungszeit nehmen würden, aber der Stein der Weisen ist es doch auch nicht, denn für die Väter ist es letztlich genau die gleiche Problematik, wie für die Mütter: „Kind oder Karriere?“.

Mir fällt in diesem Zusammenhang immer ein Satz ein, den Barack Obama (oder war es Hillary Clinton?) in Bezug auf die Abtreibungsproblematik in den USA äußerte: Dass es nicht fair sei, die Frauen für ihre Entscheidung zu belangen, die ihnen selbst sicher nicht leicht fällt, sondern dass man vielmehr dahin investieren sollte, dass sie sich erst gar nicht zu solchen drastischen Entscheidungen gezwungen sehen.

Natürlich ist es ein etwas anderer Zusammenhang, aber der Grundgedanke ist wie ich finde doch der gleiche: halten wir uns mit den Konsequenzen auf, die aus einer Problemlage entstehen, oder versuchen wir nicht lieber die Problemlage zu verändern?

Was die Vereinbarkeit von befriedigender Elternschaft und befriedigender Berufstätigkeit angeht sage ich nämlich: auf dem aktuellen modernen Arbeitsmarkt, geprägt und bestimmt von Wirtschaftlichkeit, gibt es da keine Vereinbarkeit, nur lauwarme und unbefriedigende Kompromisse. Die Wirtschaft diktiert die Spielregeln, nicht die Menschlichkeit.

Aber wir haben uns alle schon so damit abgefunden, dass die Regeln unseres Leben fremdbestimmt werden, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, ob das mit einem menschlichen Dasein überhaupt vereinbar ist. Es ist „normal“, wenn man sein Kind früh in eine Krippe oder zur Tagesmutter gibt, weil darin eben die Anpassung an den modernen Arbeitsmarkt besteht. (Nochmal: ich möchte hier nicht darüber urteilen, ob es richtig oder falsch ist das zu tun). Und unangepasst gilt eben als „nicht normal“, oder sagen wir mal entschärft „selten“.

Noch vor einigen Jahrzehnten hätte es sich mit diesem Verständnis von „normal“ und „selten“ genau andersherum verhalten. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich die Normvorstellungen immer wieder verändert, und zwar in Abhängigkeit davon, welche Geistesströmungen gerade modern bzw. am einflussreichsten waren (und gerade in Fragen der Kindererziehung kräuseln sich einem da ja so manches mal die Fußnägel).

Und nun ist es eben die Wirtschaft, die alle Bereiche des menschlichen Lebens so vollständig durchzogen hat wie Schimmel ein Brot. Die dazu beigetragen hat, dass das zur Welt bringen und Begleiten von Kindern (an sich! als Bestandteil menschlichen Lebens; genauso wie übrigens auch das Pflegen von alten Menschen/Angehörigen) in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertung einen niedrigeren Stellenwert angenommen hat, als das Ausüben eines Berufes (und damit der aktiven Beteiligung am Wirtschaftsprozess). Das ist für mein Verständnis so verheerend, dass der Bedarf, nach wirklicher, tiefgreifender Veränderung des Arbeitsmarktes (und des ganzen gesellschaftlichen Wertesystems) doch offensichtlich ist. Aber dafür müssten wir u.a. unser Verständnis von „Arbeit“ gänzlich überarbeiten. Es müssten gänzlich andere Maßstäbe angelegt, andere Prioritäten gesetzt werden. Wir können nicht darauf hoffen, dass irgendein Politiker irgendwann zur Besinnung kommt. Wir müssen es selbst angehen, jeder einzelne bei sich selbst zuerst, nur so können wir das Kollektiv verändern: Wir bestimmen was normal ist, und was nicht, indem wir es tun, oder lassen.

Über Moral…

12. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gerade beschäftige ich mit Durkheim und finde ihn unerwartet sogar recht interessant! Mir kam beim Lesen eben ein Gedanke, und ehe er wieder verschwindet, wollte ich ihn schnell aufschreiben.

Ich denke häufig über die Anschläge von London vor wenigen Monaten nach und frage mich immer wieder, wie es dazu kommen konnte. In der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema störte mich vor allem immer wieder das klassische Schwarz-Weiß-Denken. Entweder man verurteilte die Jugendlichen, oder das System. Beides greift zu kurz, denke ich.

Zweifellos fehlte und fehlt es diesen Jugendlichen (und ich wage zu behaupten nicht nur diesen und nicht nur Jugendlichen) an einem sozialverträglichen Moralkodex. Es liegt nahe, den betroffenen Eltern vorzuwerfen, dass dies ihr Verschulden sei, und vermutlich haben sie tatsächlich auch einen gewissen Teil zum Gesamtergebnis beigetragen. Dem System andererseits vorzuwerfen, es produziere soziale Ungerechtigkeit und das Verhalten der Jugendlichen sei die logische Konsequenz dessen, hat sicherlich auch einen wahren Anteil, wenn auch man dennoch das anti-soziale Verhalten der Jugendlichen verurteilen könnte (als selbstbestimmte Menschen könnten sie sich ja dennoch moralisch korrekt verhalten).

Der Gedanke, der mir bei der Durkheim-Lektüre kam war aber vielmehr der, dass diese Jugendlichen, alle Kinder und Jugendlichen heute, tatsächlich ohne Moralverständnis aufwachsen. Und zwar nicht nur, weil die Eltern es ihnen vielleicht nicht gut genug vorleben. Sondern vielmehr, weil der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang, in dem wir alle uns bewegen, morallos ist. Der Staat lebt keine Moral vor, geschweige denn die Politik oder die (mittlerweile unsere Lebenswelt bestimmende) Wirtschaft. Es ist fast wie ein schlechter Witz, wenn eine solche Gesellschaft von ihren Mitgliedern verlangt, dass sie sich moralisch und ethisch korrekt verhalten sollen. Die Kultur und die Gesellschaft, in der wir leben, haben maßgeblichen Einfluss auf unsere Vorstellungen von Moral. Unsere Eltern sind so gesehen letztlich auch nur Teile der Gesellschaft. Wie also kann man erwarten, dass langfristig moralische Werte  in den Menschen erhalten bleiben, wenn die große Gesamtstruktur doch schon längst jeglicher Moral entsagt hat?

Das Problem, dass es zu lösen gilt, besteht in meinen Augen darin, dass nun die Individuen dem Staat Moralverlust vorwerfen und verlangen, er solle doch erst einmal damit anfangen, bevor er sie behellige. Im Gegenzug verhält der Staat sich natürlich ebenso. Es ist wie im Kindergarten: Du hast aber angefangen! Du musst dich zuerst entschuldigen!

Aber, was ist letztlich die Gesellschaft? Was ist ein Staat? Doch nichts anders, als ein Kollektiv aus Individuen. Wenn jeder Einzelne vor seiner eigenen Haustüre kehrt, dann kann man sich die Stadtreinigung sparen. Wenn jeder Einzelne für sich Verantwortung übernimmt und verantwortlich und moralisch handelt, dann ist das Ergebnis davon auf lange Sicht eine moralische Gesellschaft. Den Anfang muss jeder Einzelne bei sich selbst und seinem eigenen Handeln machen.

Man könnte argumentieren, dass es mich doch aber in meiner persönlichen Freiheit beschneidet, wenn ich mich rücksichtsvoll verhalten soll und nicht nur für meinen privaten Nutzen handele. Das mag vielleicht sein. Letztlich wird es aber leichter erträglich sein, sich selbst gelegentlich mal in den Allerwertesten zu treten, als früher oder später unglücklich mit den Auswirkungen einer morallosen, materiellen Gesellschaft leben zu müssen.